Forum der Vereinigung der Sternfreunde

Forum of the German Amateur Astronomy Association
It is currently 22. January 2020, 00:45:35 AM

All times are UTC+02:00




Post new topic  Reply to topic  [ 1 post ] 
Author Message
PostPosted: 11. January 2020, 08:30:25 AM 
Offline
Meister
User avatar

Joined: 20. January 2013, 20:03:54 PM
Posts: 664
Location: Leipzig
Liebe Beobachter,

als ich neu war in der Kometenastronomie, habe ich ein Objekt an einem Abend mit gleich mehreren Instrrumente geschätzt, praktisch mit allen, die ich hatte. Ich dachte, dass würde die Erkenntnis insgesamt verbessern. Maik hat mich dann darauf hingewiesen, das man das nicht tut und nur eine schickt. Und in der Tat ist es so, dass wir in unserer Fachgruppe nur selten zwei Beobachtungen haben, und wenn das so ist, dann hatte der Beobachter einen wichtigen Grund.

Für die Helligkeitsanalyse steht man vor dem Problem, dass ein heler Komete in dem Bahnabschnitt, wo er leicht erkennbar ist, viel beobachtet wird, und in anderen Bahnabschnitten dann nur selten. Dadurch ergibt sich eine Verzerrung der Lichtkurve. Ich habe dies in meinem Programm berücksichtigt, in dem ich pro Tag einen Mittelwert bilde und dann erst die Ausgleichrechnung anstoße. Das kann man freilich abschalten.

~

Im Moment wird auf der Kometenmailingliste gerade die sog. "Überbeobachtung" diskutiert, hier geht es mehr um Positionsdaten. Es gibt Stationen, die aus einer Nacht viele Dutzend Einsendungen generieren. Genannt wurde (585) Kyiv . Den Astronomen dort wird untergeschoben, sie machten das aus einer Art Geltungsbedürfnis. Ich glaube das übrigens nicht, sondern denke, es ist das Ergebnis einer Automatisierung dort.

Es wurde nun befürchtet, dass die Bahnelemente dadurch schlechter würden, weil sich der Fehler (z.B. eine Uhrendifferenz) einer Station übergroß auf die Elemente prägt. Dazu hat Bill Gray, der Autor des find_orb-Programms einen sehr klugen Aufsatz geschrieben, den ich hier ins deutsche übersetzt wiedergebe.
Quote:
Ich bin kein Befürworter von "Überbeobachtung", aber: Es gibt Situationen, in denen viele Beobachtungen sinnvoll sind, Lichtkurven, z.B. [wahrscheinlich kurzzeitige Effekte wie Rotation, piu].
Für das Problem der Verschlechterung der Elemente verfügen wir über mathematische Methoden. Ich empfehle deshalb, dass alle Stationen so viele Beobachtungen einsenden, wie sie haben, und die Auswertung den Fachleuten überlassen. Sie werden solche Situationen bemerken und berücksichtigen. Für die find_orb-Software gibt es eine Übersicht hier:

https://www.projectpluto.com/errors.htm

(wirklich nur eine kurze Übersicht)

Das erste Mal diskutierten wir dieses Thema beim Asteroiden 2011 MD, welcher der Erde sehr nahe kam, wahrscheinlich ein Splitter vom Mond. Eine Station hatte wohl um eine Lichtkurve zu erhalten, 968 von insgesamt 1555 Beobachtungen eingeschickt. Seinerzeit hatten wir dazu keine mathematische Lösung, so dass sich ein Zeitfehler dieser Station voll in die Bahnelemente fortgesetzt hätte.

Andrea Milani löste das Problem zunächst, in dem er dieser Station eine Beobachtungsunsicherheit von 100 Bogensekunden zuwies. Dadurch wurden diese Beobachtungen unterbewertet und die Auswirkung auf die berechnete Umlaufbahn eingeschränkt. Ab siesem Zeitpunkt hatten wir das Problem auf dem Schirm.

In find_orb werden bis zu fünf Beobachtungen pro Nacht und Station uneingeschränkt übernommen (die Zahl ist einstellbar). Wenn mehr eingeschickt werden, dann wird das Gewicht der Einzeleinsendung so reduziert, dass die Wirkung aller Daten nicht größer ist, als wären es fünf.
Milani und Mitautoren setzen die Grenze zu 1, was ich für unvernünftig niedrig halte.
Peter Veres vom MPC setzt die Grenze auf vier.

Mit diesem Verfahren wird der Einfluß systematischer Fehler einer Station beschränkt, selbst wenn man Unmengen von Einzelmessungen erhielte. Ich werde Peter [Veres, piu] fragen, ob das MPC dies so berücksichtigt, bin mir aber sicher, dass sie dies tun.

Wir können also alle Daten nutzen, und sie werden das Gesamtergebnis nicht verschlechtern.

_________________
Uwe Pilz, Fachgruppen Kometen und Astrophysik/Algorithmen.
Oft benutzte Instrumente: Swarovski SLC 7x50B, Fujinon 16x70 FMT-SX-2, TMB Apo 105/650, Ninja Dobson 320/1440


Top
   
Display posts from previous:  Sort by  
Post new topic  Reply to topic  [ 1 post ] 

All times are UTC+02:00


Who is online

Users browsing this forum: No registered users and 1 guest


You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot post attachments in this forum

Search for:
Jump to:  
cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Limited