Hallo Christoph,
das sind ja doch einige sehr grundlegende Fragen, auf die ich hier gemäß meines derzeitigen Kenntnisstandes eingehen will. Mittelfristig sollte man bei Bedarf am besten für Objektivgitter ein neues Thema zwecks Diskussion aufmachen. Daneben will ich mich bald daran setzen, meine Erfahrungen hierzu mal aufzuschreiben und an die Redaktion zu senden (wie im Falle des Einsatzes im konvergenten Strahl).
Gelernt habe ich, dass der Einsatz von Transmissiongittern nur auf den ersten Blick einfach ist, auf den zweiten ergeben sich doch eine Menge Besonderheiten (gegenüber Spaltspektrographen) und diverse Fallstricke...
So muss man m.E. nach prinzipiell zwischen dem (üblichen) Einsatz im konvergenten Strahl und dem (wohl recht unüblichen) Einsatz als Objektivgitter unterscheiden. Im ersten Fall kann man sinnvoll eigentlich
nur mit zusätzlichen Prismen arbeiten. Grund: Zum einen lässt sich nur auf diese Weise der Haupt-Abbildungsfehler (Chromatische Aberration) in den Griff bekommen, zum anderen bekommt man spätestens ab ca. 300L/mm ohne Prisma (je nach Teleskoptyp) überhaupt kein vernünftiges Spektrum mehr auf den Chip, weil durch den "geknickten" Strahlengang die meisten Photonen an interne Blenden stoßen. Eine Ausnahme bildet hier nur der prismenlose Einsatz des SA100 (geringe Dispersion!) beim Beobachten sehr schwacher Objekte (Quasare, SN,..), wo man die 0. Ordnung mit im Bild haben möchte/muss. Der Designer der SAs, Robin Leadbeater, hat solche Anwendungen perfektioniert, Beispiele finden sich hier:
http://www.threehillsobservatory.co.uk/ ... ipment.htm
Setzt man dagegen ein Objektivgitter ein, so benötigt man aufgrund der parallel einfallenden Wellen kein Prisma. Allerdings muss man beachten, dass die gesamte Optik jetzt etwas "schielt" - beim 300L-Gitter und H-Alpha muss man die Achse des Fernrohres schon um einen Ablenkwinkel von 11,4° gegenüber der Richtung zum Stern neigen, beim 600L-Gitter entsprechend mehr. Dies hat natürlich erhebliche negative Konsequenzen für ein Autoguiding (Bildfeldrotation).
Allen Konfigurationen ist gemeinsam, das im Vergleich zum Spaltspektrographen mehr (bzw. andere) "Schmutzeffekte" auftreten. Der ärgerlichste ist hierbei die "Kontamination" mit den 0. Ordnungen anderer Feldsterne. So werden beim Einsatz als Objektivgitter alle 0. Ordnungen als kleine, recht scharfe Striche abgebildet, die im Spektrum dann falsche "Emissionslinien" vortäuschen können. Insbesondere bei schwächeren Sternen verhindert dieser Effekt dann die Aufnahme "sauberer" Spektren. Allerdings habei ich hier eine Abhilfe gefunden, abhängig vom Gitter und Teleskop verwende ich spezielle Blenden - siehe angefügtes Bild ("Beam-Blocker": Die lange Pappröhre).
Zur "Grenzgröße": Die Frage nach der Grenzgröße lässt sich leider nicht einfach beantworten. Wesentliche Faktoren sind hier: Eingestellte Dispersion (Å/pix), Himmelshintergrund, Aufweitung des Spektrums durch Astigmatismus, CCD-Effizienz, Art des Objekts (Linienstrahler / Kontinuierliches Spektrum...). Beispielsweise teste ich derzeit, ob die WR140-Spektren meines 300L-Gitters "konkurrenzfähig" sind bei der beginnenden diesbezüglichen Messkampagne. Für WR140 ist V=6.85 mag, hier komme ich vermutlich bei optimalen Bedingungen (kein Mond etc.) und 1-2 Stunden Gesamtbelichtung auf das geforderte Signal-zu Rauschverhältnis von ca. 200.
Ansonsten beschränke ich mich mit meinen Objektivgittern meist auf deutlich hellere Objekte (z.B. Deneb). Wenn man dagegen nur eine starke H-Alpha Emission untersuchen will, dann darf es auch schon ein schwächeres Objekt sein. So konnte ich auch schon mal recht schön die Linienemission eines (sehr kleinen!) Planetarischen Nebels messen, jenseits der 10. Größenklasse.
Zum "Gitterschutz": Dies ist eine für mich ebenfalls noch nicht richtig geklärte Sache. Laut Paton Hawksley wird bei den SAs ein Schutzglas auf die empfindliche Seite aufgebracht, diese sind also relativ unempfindlich. Die weiteren von mir verwendeten Gitter (Paton Hawksley bzw. Thorlabs) haben keine Schutzschicht und sind daher mit entsprechender Vorsicht zu behandeln - eigentlich sind sie nur für den Inneneinsatz unter Laborbedingungen gedacht und können praktisch nicht gereinigt werden (höchstens mal mit sauberer Luft abblasen..). Für den Einsatz der 1"-Gitter im konvergenten Strahl ist das bei mir nicht so kritisch, die Gitter befinden sich ja innerhalb des Tubus. Bei den Objektivgittern habe ich jedoch oft das Problem mit Taubeschlag - zum Glück wohl nur auf der äußeren, unempfindlicheren Seite. Noch halten die Gitter anscheinend durch...
"Filterschublade mit 50*50 Gittern": U.a. aufgrund des oben Gesagten bin ich doch sehr skeptisch, ob so ein Ansatz sinnvoll ist. Für den konvergenten Einsatz reichen 1"-Gitter völlig aus, zudem ist der Einsatz so nah vor dem Sensor (außer für einen SA100 und sehr schwache Objekte, s.o.) sehr "suboptimal".
"S/N-Verhältnis": Soweit ich das mitbekommen haben, wird hier das S/N-Verhältnis meist unter Verwendung von Standardprogrammen ermittelt (ich benutze z.B. "SpectroTools"). Diese berechnen aufgrund der statistischen Streuung der Messwerte Mittelwert und "Rauschen" für bestimmte Bereiche des Spektrums. Das funktioniert allerdings nur für Bereiche, in denen keine Spektrallinien liegen. Alternativ könnte man auch direkt über die Photonenstatistik (Poission-Verteilung) für jeden Kanal die Streuung ausrechnen. Dazu braucht man aber dann den Konversionsfaktor der CCD-Kamera sowie die genauen Pixel-Werte von Rohbild, Untergrund etc.
Wenn Dich so etwas interessiert, kann ich z.B. auf "The Handbook of Astronomical Image Processing" von Richard Berry und James Burnell verweisen, da wird das im Detail dargestellt.
Viele Grüße
Uwe
P.S.: Ich hoffe, der Beitrag ist nicht zu lang geraten für dieses Forum, aber kürzer ging's leider nicht