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Lieber Dominik,
ich wiederhole hier mal nicht, was ich zu lesen hatte, was einer produktiven Diskussion auch nicht förderlich war. Die Reise nach Heppenheim wurde mir wirklich vorgeschlagen, nur war eine Zusicherung noch nicht möglich, dass ich dort wirklich lesen konnte.
Ich habe auch hier mehrfach gesagt, dass es mir nicht mehr um die Fälle der Vergangenheit geht. Die zeigen nur das Problem und sie zeigen, woher Misstrauen und Vorbehalte gegen die VdS-Führung stammen. Die Betroffenen, die Mitgliedschaft fragen, Entscheidungen erklären - darum geht es mir.
Warum das Vorstandsgremium fragen und erklären sollte, zeigt der ganz einfache Fall der Vereinbarung zwischen den Fachgruppen und dem Vorstand. Für sich genommen, war das Papier ein Katalog von Forderungen und Bürokratie. Es kam ohne das "warum" dieses Papiers und wurde entsprechend negativ aufgenommen. Es lag an mir zu erklären, dass dahinter das Finanzamt steckt, rechtliche Vorschriften, die der Verein zwingend einzuhalten hat.
Verstehst Du? Bis zu meinen (!) Erklärungen war das ein Zettel mit der Forderung: "Hier müsst Ihr unterschreiben, sonst ..." Etwas zu erklären, liegt nicht in den Reflexen.
Ich war lange ein leidenschaftlicher Verteidiger der VdS, wollte aktiv sein für den Verein. Parallel habe ich mir viele Geschichten angehört, wie mit Aktiven umgesprungen wurde. Ich konnte es nicht glauben, bis ich es am eigenen Leib erlebt habe. Da wurde "durchgezogen", ohne Fragen, ohne Information, ohne Erklären. Ich habe vorher (!) zwei Jahre lang um ein Gespräch gebeten, persönlich bei Otto Guthier und Astrid Gallus. Das immer wieder (später auch von Dir) versprochene "Gespräch auf Augenhöhe" fand niemals statt. Es wurde entschieden, mit "friss oder stirb". Verzeih' mir bitte, wenn mir dann Worte wie "arrogant" in den Sinn kommen. Warum mir das heute sichtbare Ergebnis der Entscheidungen die Galle hochkochen lässt, sage ich Dir in Würzburg.
"Transparenz" ist kein Mechanismus, sondern ein Stil und eine Kultur. Sie ist eine Bringschuld der Entscheidungsträger. Ich erlebe das in Vereinen und auch in der Firma, in der ich arbeite. Es wird gefragt, Gedanken und Ideen sind willkommen. Dabei erlebe ich, dass andere auch bessere Ideen haben, als ich sie hatte. Da macht das Mitziehen Spaß.
"Transparenz" bedeutet auch "Team". Teams funktionieren, wenn Informationen frei fließen und gemeinsam entschieden wird. "Team" müssen dabei vor allem diejenigen sein, die von Entscheidungen betroffen sind. Funktionen in der Hierarchie (Chef, Vorstand, etc.) sind dabei nebensächlich. Der Grund ist einfach: In einer komplexen Welt ist der Einzelne verloren, denn niemand bringt die Kompetenz für alles mit. Nur die Kompetenz des Teams macht die Komplexität beherrschbar. Kompetenzen gibt es dabei auf allen Ebenen - je mehr, desto besser. Die Funktion der Führungsebene ist dabei vor allem Zuhören. Das setzt vorher Fragen voraus, damit das Team sich damit auseinander setzen kann. "Kommunikation" ist dabei das Schlüsselwort.
Ich kenne viele Vereine und Betriebe, wo es so funktioniert. Die heben regelmäßig die Welt aus den Angeln und haben auch kein Nachwuchsproblem. Wo es noch "Chefs" gibt, regiert die Zweit- und Drittklassigkeit und da will auch keiner mitmachen. Menschen wollen "Selbstwirksamkeit" erleben (wie die Psychologie das nennt): Das eigene Leben bestimmen können, Vertrauen in die Fähigkeiten anderer haben, helfen zu können und Hilfe zu bekommen. Das sind auch die Grundlagen für ein glückliches Leben, wie die Forschung zeigt.
Für all diese Dinge sind Kommunikation, Transparenz und Geduld wichtige Voraussetzungen. Geduld, weil die Meinungsbildung des Teams etwas Zeit braucht. Das setzt längerfristiges Denken voraus. Zeit- und Sachzwänge müssen die Ausnahme sein. Ungeduld ist nicht teamfähig, sie entsteht meist auch nur aus persönlichen Interessen. Zeit- und Sachzwänge entstehen meist nur durch Mangel an Vorbereitung, also eine fehlerhafte Selbstorganisation.
Entscheidungen bewegen ein Team nur, wenn die Einsicht in das "warum" und die gemeinsamen Ziele klar sind. Teams wollen auch ein vernünftiges Verhältnis von Aufwand und Ertrag, denn am Ende geht es auch um die Kapazitäten der Ausführenden und die Sinnhaftigkeit der Arbeit.
"Sinnhaftigkeit" ist niemals selbsterklärend. Sie entsteht durch gemeinsame Einsicht. Dabei sind grundlegende Fragen wichtig, die scheinbare Selbstverständlichkeiten infrage stellen und die in Diskussionen geklärt werden müssen. Ein Beispiel, um Zusammenhänge aufzuzeigen:
Der diesjährige Astronomietag hängt sich ans Jubiläum der IAU. Was hat die VdS mit dem Jubiläum zu tun und woher kommen dabei für uns die Vorteile?
Warum ist deshalb der Zeitdruck bei der Neugestaltung der VdS-Webseite nötig, damit die pünktlich für den Astronomietag funktioniert?
Prinzipielle Entscheidungen wirken in konkrete Arbeit. Der Zeitdruck ist nur "sinnhaft", wenn die erste Frage überzeugend beantwortet ist. Hilferufe (Mitarbeit bei der Webseite) werden kaum eine Reaktion bekommen, wenn es nicht vorher Konsenz zu den "höheren Zielen" gibt. Die reale Arbeit wird sonst nicht "sinnhaft" empfunden. Vielmehr sind sogar Gegenreaktionen denkbar: Wenn die schon solche Entscheidungen treffen, müssen sie die Suppe auch selbst auslöffeln.
Viel Text für Selbstverständlichkeiten, die jeder Mensch in sich spürt, der einmal in sich hinein hört. Ich sage "Selbstverständlichkeiten", weil in der VdS alles auf Freiwilligkeit und Ehrenamt beruht. Niemand muss die Zähne zusammenbeißen, weil eine Arbeitsstelle und das Einkommen zählen, wenn Selbstwirksamkeit und Sinnhaftigkeit nicht gegeben sind (wobei viele dann einfach den Betrieb wechseln). Umso wichtiger ist es für Vereine, genau solche Rahmenbedingungen zu schaffen. Es gibt keinen Zwang zur Mitarbeit, die Motivation kommt allein aus der Erwartung von Glücklichsein: Selbstwirksamkeit, Sinnhaftigkeit und Gemeinschaft.
Aus diesem Grund ist die Diskussion an diesem Ort sehr grundsätzlich für unseren Verein. Jede einsame Entscheidung, jeder Mangel an Mitsprache, jedes Monopolisieren von Information ist schädlich. Die autoritätshörige Gesellschaft ist Vergangenheit. Jugend hat heute alle Möglichkeiten, sich selbst Strukturen zu schaffen, in denen sie sich glücklich fühlen kann. Selbst der 60-Jährige, der hier schreibt, lebt in seinem Berufsleben mit der Dienstanweisung an alle Teams: "Gestalten Sie Ihren Arbeitsplatz." Eine Pflicht, Selbstwirksamkeit und Sinnhaftigkeit herzustellen, gemeinsam an ständiger Verbesserung zu arbeiten. Dafür werde ich sogar bezahlt.
Warum also soll ich sogar Mitgliedsbeiträge zahlen, für einsame Entscheidungen aus der Chefetage, für die Verweigerung von Mitsprache und Information? Die Vorstandschaft möge bitte verstehen, dass maximale Transparenz und Mitsprache einfach selbstverständlich sind (und nicht nur bei den Mitgliederversammlungen). Wenn sie das endlich für die Vorstandsarbeit eingerichtet hat, können wir diskutieren, wo wir noch eine Schippe drauflegen können. Selbstverständlichkeiten sind nämlich nicht das Ziel, sondern erst der Anfang. Aber das ist dann Sache der Teams.
Ich grüße Dich herzlich
Heinz
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