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Lichtverschmutzung - Möglichkeiten/Argumente zur Reduzierung
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Autor:  Alex Geiss [ 03. Dezember 2017, 04:32:43 AM ]
Betreff des Beitrags:  Lichtverschmutzung - Möglichkeiten/Argumente zur Reduzierung

Liebe Astronomie- und Naturfreundinnen und -freunde!

Dank der freundlichen Unterstützung des Bürgermeisters Andreas Birzer, sowie dem Vorstand des Krieger- und Kameradschaftsvereins und einem sehr engagierten Ochsenfelder bzgl. Elektrik, erstrahlt seit Samstagabend in meinem Heimatort Ochsenfeld bei Eichstätt die Beleuchtung des Kriegerdenkmals und die Weihnachtsbeleuchtung der Kirche wenigstens einstweilen nicht mehr in LED-Warmweiß, sondern amberfarben in Gelborange!

An dieser Stelle möchte ich allen Drei auch auf diesem Weg herzlichen Dank sagen!

Das ist nun exakt der Farbton, der in der Richtlinie der "Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI)" im Anhang 1 ab S.18
https://www.lung.mv-regierung.de/dateie ... ht_neu.pdf
in Form von Natriumniederdruckleuchten favorisiert wird und welcher für Außenbeleuchtungen anzustreben ist. Und mittlerweile ist diese Farbtemperatur von 1800 Kelvin sogar für energiesparende LED-Beleuchtungen im Außenbereich bei verschiedenen Herstellern unter den Bezeichnungen "Amber", "1800K" oder "Golden Orange" erhältlich.

Diese Änderung der Lichtfarbe ist ein Riesenschritt, denn das Weißlicht führt selbstverständlich zu großer Lichtimmission und Lichtglocken um beide Einrichtungen. Im Falle der Kirche gab es sogar bei bedecktem Himmel durch die drei Strahler auf der jeweiligen Gegenseite drei Schattenumrisse der Kirche an der Unterseite der Wolkendecke. Leider hatte ich das vergangenes Jahr nicht dokumentiert.

Nun hoffe ich inständig, dass der Wechsel nicht zu Beschwerden führt, bevor ich die Argumentation für das amberfarbene Licht nachhaltig platzieren kann.

Mit der neuen Filterung ist exakt die Beleuchtung der Natriumniederdruckleuchten der wenige Jahre alten Straßenbeleuchtung nördlich davon angepasst und harmonisiert mit dieser.
Unten seht Ihr die Kirche vorher und nachher, sowie ein Beispiel, wie die Natriumniederdruckleuchten eine weiße Scheunenwand bestrahlen. Die Bilder sind im gleichen Automatikmodus ein und derselben Kamera aufgenommen und damit einigermaßen vergleichbar.

Wie geht es nun weiter?

Jede Gemeinde hat an ihren Straßen Mastleuchten, die in unterschiedlicher Weise betreut werden müssen. In meiner Gemeinde hat der Andreas Birzer mir freundlicherweise die Erlaubnis gegeben, beratend bei der Beleuchtung der Straßen mitzuwirken, worauf ich unter anderem auf die mit Wartung und Installation betrauten Fa. N-ERGIE in Nürnberg zuging und bislang drei Gespräche sowie weitere mit Mitarbeitern von Osram und Trilux führte. Hr. Platzöder, der bei N-ERGIE für die Betreuung der Kommunen leitend zuständig ist, wies mich darauf hin, dass jede Gemeinde auf besonderen Wunsch hin auch solch amberfarbenen Mastleuchten aufstellen lassen kann, auch wenn sie derzeit nicht im Katalog ersichtlich sind.
Dieser Hinweis ist extrem vielversprechend!

Ihr könnt bei Eurer/m BürgermeisterIn freundlich fragen, ob nicht das gelbe Licht der Natriumniederdrucklampen der Straßenbeleuchtung bei Neuanschaffungen von LED-Straßenbeleuchtung beibehalten werden sollte, was auf Wohlwollen treffen könnte, da auf diese Weise ein einheitliches Beleuchtungsbild des jeweiligen Ortes behalten werden kann und sich weitere auch kostenreduzierende Vorteile ergeben können, die in der kommenden Zeit an Wichtigkeit gewinnen werden. Die Gemeinde kann lt. Energieversorger als Kunde jeden Wunsch äußern und Hersteller wie z.B. Osram, Innolumis und Schuch bieten Leuchten mit 1800K an. Die Argumentation dafür wird aber nur mit Fachbegriffen möglich sein, die im allgemeinen Sprachgebrauch wenigstens selten üblich sind. Die Richtlinien des o.a. Links werden der Gemeinde sicher bekannt sein, können aber freundlich unterbreitet werden.
Unter 6., S.15 stehen Tipps - und so sollten wir sie auch nennen, denn harte Forderungen fordern heraus und machen nur Gegner! Niemals darf hier auf eine Richtlinie gepocht werden, denn mit Freundlichkeit und positiver Argumentation kommt man weiter.
Und bei öffentlichen Einrichtungen wird ohnehin allermeist sensibel und effektiv mit Strom umgegangen. (Es gibt freilich auch wenige Gegenbeispiele.)

LEDs und besonders blaues Licht mag in der Vergangenheit in unserer Kultur und in urbanen Bereichen Modernität vermittelt haben. Durch den Technologiesprung mit der LED ist es möglich, Strom beim Beleuchten zu sparen und doch kommt es in zunehmendem Maße zu einem verschwenderischen Umgang mit Licht.
Und es gibt mehr und mehr Studien, die große Risiken im Zusammenhang mit blautonigem und weißem Licht aufdecken.

Kurzwelliges Licht, also blaues Licht, welches sich meist sogar in den nicht sichtbaren ultravioletten Bereich fortsetzt
- hemmt die körpereigene Produktion des Hormons Melatonin, welches an verschiedenen Körper- und Kreislauffunktionen beteiligt ist. Melatoninmangel führt zu Konzentrations- und Schlafstörungen und steht damit auch in Zusammenhang mit der Kulturkrankheit Burnout.
- ist auch in warmweißem (3000K), neutralweißem (4000K) und tageslichtweißem/kaltweißem (ab 5000K) LED-Licht in steigendem Anteil enthalten. Weißes Licht beleuchtet Gebäude subjektiv hart.
- Weißes Licht beendet die Dunkeladaption des Auges schlagartig. Weniger stark beleuchtete Bereiche z.B. zwischen Straßenleuchten erscheinen noch dunkler bzw. lassen den Bedarf nach noch mehr Licht aufkommen.
- zieht Insekten unwiderstehlich an, sodass die Tiere im strahlenden Bereich bleiben. In der Folge sind die Tiere häufig zu erschöpft, um zu ausreichender Nahrungsaufnahme oder zur Paarung zu kommen oder sterben gleich den Erschöpfungstod.
- führt durch Insekten und Spinnen zu erhöhtem Reinigungsbedarf
- Fressfeinden wie Fledermäusen und Vögeln fehlt diese Biomasse in der Umgebung und es kommt zur weiteren Reduzierung der Artenvielfalt
- die meisten Pflanzenarten sind auf Bestäubung durch Insekten angewiesen, sodass es bei reduzierter Bestäubung zu weiterer Verminderung der Biodiversität kommt
- Bienen, die ja bei Nacht nicht fliegen, kommen im Gegensatz zu Wildbienen auch bei Schlechtwetter nicht zum Bestäuben von Nutzpflanzen. Fehlen natürliche Schlechtwetterflieger, kann es zu Fruchteinbußen bei Pflanzen kommen. In den vergangenen 50 Jahren stieg aber in der Landwirtschaft der Anteil der Kulturpflanzen, die notwendigerweise durch Tiere bestäubt werden müssen auf das Dreifache mit einem beteiligten jährlichen Umsatz von 200 bis 500 Mrd. Euro - ein Wirtschaftsfaktor, der nicht vom Wetter bestimmt werden sollte.

Schon mal vorab ein paar Argumente FÜR eine intensivere Berücksichtigung der Lichttemperatur 1800K also ohne nennenswerten Blauanteil, insbesondere bei LED-Beleuchtung:
- amberfarbenes, gelbes Licht lässt das Auge in Dunkeladaption verbleiben, sodass beim Betreten von weniger stark beleuchteten Bereichen diese weniger dunkel erscheinen, als bei weißer Beleuchtung. Durch die so verringerten Kontraste, könnte auch weniger Bedarf entstehen, weitere Beleuchtungen aufzustellen. Ein Einsparpotenzial welches seitens der Wirtschaft profitmindernd und für den Kunden aber attraktiv ist.
- durch die verbesserte Dunkeladaption sind die Bedingungen erleichtert, evtl. über weitere Beleuchtungsreduzierung in tiefen Nachtstunden nachzudenken, um weiter Stromverbrauch senken zu können
- amberfarbenes Licht reduziert laut N-ERGIE den Insektenflug, d.h. es gibt reduzierten Reinigungsbedarf hinsichtlich Kot, Leichen und Spinnennetzen (Naturschutz).
- Konfliktzonen werden lt. Osram mit amberfarbenem Licht hervorgehoben und können verkehrstechnisch so entschärft werden. Amberfarbenes Licht ist also nicht sicherheitssenkend.
- Sehenswürdigkeiten wie Willibaldsburg und Dom in Eichstätt werden weich, optisch ansprechend und verhältnismäßig naturfreundlich in Szene gesetzt
- durch die "Chromatische Adaption" ist das Auge in der Lage einen "Weißabgleich" durchzuführen und eine gelb beleuchtete weiße Fläche erscheint nach einigen Minuten der Gewöhnung weniger farbig (vgl. Farbfehler von Kameras)
- amberfarbenes Licht hemmt nicht die körpereigene Produktion des Schlafhormons Melatonin, im Gegensatz zu blauem Licht, welches wiederum auch in warmweißem Licht enthalten ist. Melatonin senkt signifikant in kleinsten Dosierungen nachweislich das Sterberisiko von Patienten mit verschiedenen Krebsarten innerhalb eines Jahres um ein Drittel.
- durch den geringen Blauanteil gibt es weniger Streuung (Rayleigh-Streuung ist für den blauen Himmel und das Abendrot verantwortlich) und die Lichtimmission (Lichtkegel, Lichtglocke) ist deutlich gemindert. Bei Nebel kann besser hinter den Beleuchtungskegel von Straßenleuchten gesehen werden.

Die Argumentation wird von mir derzeit in einem Artikel zusammengefasst, der in Abstimmung mit Dr. Andreas Hänel (FG Dark Sky) veröffentlicht werden wird. Er wies mich auch auf Aktivitäten verschiedener Sternenparks in Deutschland hin. Eine Präsentation wird o.a. Punkte gegenüberstellen.
Fr. Klement vom Naturpark Altmühltal versicherte mir, dass in der Leitung die Brisanz der Thematik angekommen ist und 2018 wirksam platziert wird, wobei ich meine Unterstützung angeboten habe.

Jeder einzelne Mitbürger kann dazu beitragen, dass in Zukunft Licht sinnvoll eingesetzt wird und auf wenig sinnvollen Einsatz von Licht mit den "Hinweise(n) zur [...] Minderung von Lichtimmissionen" der LAI (siehe Link oben) freundlich, aber bestimmt hingewiesen wird, aber auch selbst beachtet werden.
Wichtig ist hierauf aufmerksam zu machen, bevor das Kind in den Brunnen fällt, also möglichst frühzeitig, damit Investitionen frühzeitig geplant werden können. Für die Hinweise wird jede Einrichtung und jedes Unternehmen im Endeffekt dankbar sein, denn jeder ist darauf bedacht:
- nachhaltig
- zukunftsorientiert
- innovativ und evtl. auch
- naturfreundlich
zu handeln. Und im letzten Schluss wird auch jeder Trachtenverein, Schützenverein, Sportverein, der Aktivitäten draußen, also in der Natur betreibt, danach trachten, die Natur am liebsten wie sie früher war zu bewahren.
Und bei den Worten "Bewahren" oder „innovativ“ wird sich wohl kaum jemand verschließen.
Nur ist wichtig, dass fast ausschließlich die positiven Argumente fallen.

Lasst uns Bewahren und innovativ sein.

Euer Alex Geiss

Abb. 1: Die Ochsenfelder Kirche in „warmweißer“ Beleuchtung von LED-Strahlern.
Abb. 2: Mit amberfarbenem Filter (Lee-Folienfilter 105 "orange") vor LED-Strahlern.
Abb. 3: Streulicht der Natriumniederdruckstrahler der Straßenbeleuchtung ("Lichtkübel")
Alle Fotos von Alex Geiss.

Dateianhänge:
Ochenfelder Kirche warmweiß.jpg
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Ochsenfelder Kirche amberfarben.jpg
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weiße Wand im Na-Streulicht.jpg
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